Das impulse4travel Manifest

Das impulse4travel Manifest, erarbeitet mit zahlreichen Fachleuten aus unterschiedlichen Bereichen des Tourismus, versteht sich als strategisches Zukunftspapier mit Blick auf 2030. Es formuliert ein bewusst gesetztes Zielbild: Tourismus als Gestalter von Zukunfts- und Lebensräumen.

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impulse4travel Manifest Vorwort

Vorwort

Der Tourismus verfügt über umfangreiches Wissen, zahlreiche Konzepte und vielfältige Einzelmaßnahmen. Nachhaltigkeitsprogramme, Digitalstrategien, Fachkräfteinitiativen, Förderinstrumente und Modellprojekte belegen die vorhandene Handlungsbereitschaft. Was jedoch fehlt, ist ein übergreifender Orientierungsrahmen – ein gemeinsames Zielbild für die zukünftige Entwicklung des Tourismus und seine Rolle für Gesellschaft, Wirtschaft und Lebensräume.

Dieses Manifest, erarbeitet mit zahlreichen Fachleuten aus unterschiedlichen Bereichen des Tourismus, versteht sich als strategisches Zukunftspapier mit Blick auf 2030. Es formuliert ein bewusst gesetztes Zielbild: Tourismus als Gestalter von Zukunfts- und Lebensräumen. Dieses Zielbild bündelt bestehende Herausforderungen, strukturiert sie neu und macht sie ressort-, organisations- und ebenenübergreifend anschlussfähig.

Die acht Aspekte des Manifests bilden keine lose Themensammlung. Sie definieren zentrale Handlungs- und Denkfelder, in denen sich Strategien, Maßnahmen und Investitionen auf politischer wie institutioneller Ebene ebenso wie in Destinationen und Unternehmen verorten lassen. In diesem Sinne ist das Manifest zugleich Möglichkeitsraum und Referenzrahmen: Es bietet Orientierung für zukünftige Tourismusstrategien, ohne sie vorwegzunehmen oder einzuengen.

Das Papier richtet sich an Politik, Verwaltung, Verbände, Destinationen und Unternehmen. Es lädt dazu ein, bestehende Strategien zu überprüfen, neue Prioritäten zu setzen und Entscheidungen an langfristiger Wirkung statt kurzfristiger Machbarkeit auszurichten. Nicht als abschließende Antwort, sondern als gemeinsamer Ausgangspunkt für eine Branche, die Zukunft gestalten will, anstatt sie zu verwalten. 

impulse4travel Manifest - zentrale Aussagen

impulse4travel Manifest 2030 –
zentrale Aussagen

  • Die Vision bleibt: Tourismus als Zukunfts- und Lebensraumgestalter ist weiterhin das zentrale Zielbild.
  • Der Kontext ist härter geworden: Krisen und gesellschaftliche Erwartungen erhöhen den Anspruch an Verantwortung, Wirksamkeit und Ehrlichkeit. Jetzt gilt es, Resilienz dauerhaft und strukturell zu verankern.
  • Der Engpass ist ein Wertewandel: Werte sind das strategische Fundament für Gestaltung nach innen und außen. Ohne veränderte Wertehaltungen bleiben Strategien, Kennzahlen oder Modelle oberflächlich oder widersprüchlich.
  • Narrative müssen gefüllt werden: Es reicht nicht, neue Geschichten über Tourismus zu formulieren, diese müssen durch Handeln, Prioritäten und Entscheidungen glaubwürdig werden.
  • Kooperation ist kein Add-on, sondern Voraussetzung: Offene Zusammenarbeit über Organisationen, Branchen und Politik hinweg wird zum Kernprinzip, weg von Silo-, Macht- und Besitzlogiken.
  • Ein Strukturwandel ist unabdingbar. Viele Organisationen können in bestehenden Strukturen die Vision dieses Manifestes nur zum Teil oder gar nicht erfüllen.
  • Acht Aspekte formulieren strategische Stellschrauben bis 2030: Sie bilden damit den Handlungs- und Möglichkeitsraum für eine zukunftsfähige Tourismusbranche.

impulse4travel Manifest 8 Aspekte

Der Weg: 8 Aspekte

Die folgenden acht Aspekte übersetzen den Weg zur Vision mittels konkreter Handlungs- und Möglichkeitsfelder. Sie sind kein loses Themenset, sondern bilden gemeinsam den Rahmen, um die Vision bis 2030 realistisch zu erreichen: vom inneren Wandel (Werte, Führung, Strukturen) über neue Formen der Zusammenarbeit und Steuerung bis hin zu Wirkung in Produkten, Prozessen, Kommunikation und politischer Gestaltung.
Sie helfen dabei, Orientierung zu behalten und gleichzeitig ehrlich zu bleiben: über Zielkonflikte, notwendige Entscheidungen und die Schritte, die es braucht, um Tourismus als gestaltende Kraft im Lebensraum wirksam werden zu lassen.

Die vollständigen Texte zu den einzelnen Aspekten sind im ausführlichen Manifest nachzulesen [Download]. 

 

impulse4travel Manifest - Aspekt 1
impulse4travel Manifest - Aspekt 1

1. Tourismus ist Zukunftsraumgestalter 2030

Vom Reiseprodukt zum Lebensraumauftrag: Warum Tourismus Zukunft gestaltet, nicht konsumiert

Im Jahr 2030 ist Tourismus nicht länger ein nachgelagertes Wirtschaftscluster, sondern ein zentrales Gestaltungsfeld gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklung. Destinationen werden als Lebensräume verstanden, deren Attraktivität sich aus der Verbindung von Lebensqualität, sozialem Miteinander, kultureller Lebendigkeit und ökologischer Verantwortung zusammensetzt. Tourismus agiert damit nicht als Nutzer von Räumen, sondern als Mitgestalter, gemeinsam mit Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Bürger*innen.

Diese Rolle macht Tourismus zu einem Resilienzfaktor: Er bietet Orientierung in einer Welt multipler Unsicherheiten, indem er vielfältige Geschäftsmodelle, neue Wertschöpfungslogiken und eine Perspektive vereint, die langfristige Stabilität über kurzfristige Auslastung stellt. Damit entsteht die Grundlage für gesunde Betriebe, attraktive Arbeitsorte und lebenswerte Räume.

Zugleich wächst die gesellschaftliche Legitimation des Tourismus, weil sein Beitrag sichtbar wird: zur regionalen Entwicklung, zur Standortqualität, zum sozialen Zusammenhalt und zur kulturellen Offenheit. Aus globaler Perspektive ist der Tourismus nicht nur wirtschaftlich wichtig, sondern eröffnet Zugang zu Bildung, Gleichstellung, beruflicher Entwicklung und nachhaltiger Infrastruktur.

Weg dorthin: wie wir 2030 erreichen [Manifest]

1. Lebensraum als zentralen strategischen Punkt verankern
2. Kooperationen außerhalb des Tourismus
3. Narrative erneuern, ehrlich, anschlussfähig, bürger*innenorientiert

impulse4travel Manifest - Aspekt 2
impulse4travel Manifest - Aspekt 2

2. Nachhaltigkeit & Wertschätzung als Chancen für zukunftsfähiges Handeln 2030

Vom Kostenfaktor zur Geschäftsgrundlage: Wenn Verantwortung zum Qualitätsversprechen wird

Im Jahr 2030 ist Nachhaltigkeit keine Zusatzoption mehr, sondern die Strukturbedingung für wirtschaftliches Handeln im Tourismus. Die Branche versteht Nachhaltigkeit in all ihren ökologischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Dimensionen und sieht sie nicht als Kostenfaktor, sondern als Geschäftsgrundlage. Qualität im Sinne von Lebensqualität, Fairness und kultureller Lebendigkeit wird zur entscheidenden Währung, für Gäste ebenso wie für Mitarbeitende und Destinationen.

Nachhaltigkeit beginnt im Inneren: Unternehmen, Destinationen und Organisationen richten ihre Arbeitskulturen, Führungsstile und Organisationsstrukturen konsequent an Wertschätzung und Verantwortung aus. Faire Löhne, zeitgemäße Arbeitsbedingungen und echte Mitgestaltungsmöglichkeiten werden ebenso selbstverständlich wie der sorgsame Umgang mit natürlichen Ressourcen. So entwickeln sich Unternehmen, in denen Menschen bleiben wollen und es entstehen Innovation, weil Mitarbeitende ihre Ideen einbringen und hinter einer gemeinsamen Haltung stehen.

Gleichzeitig wird Nachhaltigkeit zur Quelle unternehmerischer Innovation. Sie inspiriert neue Geschäftsmodelle, Produkte und Kooperationen, vom barrierefreien und inklusiven Angebot über klimafreundliche Mobilitätsketten bis hin zu neuen Formen des Lebensraummanagements. Nachhaltigkeit wirkt dabei als Türöffner für andere Zukunftsthemen wie Digitalisierung, Dateninfrastruktur, Barrierefreiheit oder europäische Kooperation, weil sie einen gemeinsamen Rahmen und eine gemeinsame Sprache für Veränderung bietet.

Die Branche verabschiedet sich von einer eindimensionalen Betrachtung von Erfolg. Quantität (Übernachtungen, Ankünfte, Auslastung) tritt hinter Wirkung zurück: Wie sehr trägt ein Angebot zu lokaler Wertschöpfung, zur Lebensqualität der Bevölkerung, zur Zufriedenheit der Mitarbeitenden und zur Reduktion negativer Umwelteffekte bei? Neue Kennzahlen zu Mitarbeiter*innenbindung, regionaler Wertschöpfung, Flächennutzung oder CO₂-Intensität pro Reisekilometer ergänzen klassische KPIs und werden transparent kommuniziert. Orientierung bieten hierbei nationale und branchenspezifische Rahmenwerke, etwa die 2025 festgelegten neun Nachhaltigkeitskennzahlen des Deutschen Tourismusverbands, die ökologische, ökonomische, soziale und managementbezogene Aspekte der Tourismusentwicklung abdecken.

Weg dorthin: wie wir 2030 erreichen [Manifest]

1. Nachhaltigkeit als strategische Leitplanke verankern
2. Mindeststandards definieren und durchsetzen
3. Monitoring neu denken
4. Synergien entlang der Wertschöpfungskette bilden und nutzen
5. Kompetenzen aufbauen: von der Spitze bis zur Basis
6. Politische Rahmenbedingungen aktiv nutzen

impulse4travel Manifest - Aspekt 3
impulse4travel Manifest - Aspekt 3

3. Eine konsequente Wertorientierung als Basis für die Marktausrichtung 2030

Vom Schnäppchen zur Haltung: Warum Werte den Markt von morgen prägen

Im Jahr 2030 ist der Übergang von der preisgetriebenen zur werteorientierten Marktausrichtung Realität. Touristische Marken profilieren sich nicht primär über Rabatte oder Volumen, sondern über klare Wertehaltungen: Verantwortung, Fairness, Verlässlichkeit, kulturelle Authentizität. Diese Werte stehen in Strategien und Entscheidungen gleichberechtigt neben den Bedürfnissen und Wünschen der Zielgruppen und bestimmen, was letztendlich angeboten wird.

Werteorientierung wirkt nach innen wie nach außen. Nach innen formt sie Unternehmenskultur, Führungsverständnis und Personalpolitik: Haltung wird zu einem zentralen Kriterium im Recruiting, Weiterbildungen fördern ethische und soziale Kompetenz, und Mitarbeitende werden befähigt, Werte in ihrem Alltag umzusetzen. Nach außen prägt Werteorientierung Produktentwicklung, Kommunikation und Vertrieb: Zielgruppen werden nicht nur nach Demografie und Einkommen, sondern nach Einstellungen, Lebensstilen, Wertesetting und individuellen Bedürfnissen angesprochen.

Der Tourismus verabschiedet sich damit von der Logik, dass „billig“ automatisch attraktiv ist. Der Preis bleibt ein wichtiges Argument, aber nur im Rahmen klar definierter sozialer und ökologischer Mindeststandards. Dumping-Angebote, die auf Kosten von Mitarbeitenden, Umwelt oder lokaler Gemeinschaft funktionieren, gelten nicht mehr als wettbewerbsfähig, da Klimakrise und gesellschaftliche Erwartungen solche Modelle zunehmend sanktionieren.

Gleichzeitig wird die wirtschaftliche Seite der Werteorientierung sichtbar: Werteorientierte Unternehmen gewinnen leichter Fachkräfte, genießen höheres Vertrauen bei Gästen und Partnern sind attraktiver für Investor*innen. In einer Welt knapper Ressourcen und erhöhter Unsicherheit sind Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Sinn ein eigenes Kapital. Sie entscheiden darüber, ob Unternehmen wirtschaftlich erfolgreich sind, Krisen überstehen und ob Destinationen langfristig Akzeptanz in der Bevölkerung behalten.

Weg dorthin: wie wir 2030 erreichen [Manifest]

1. Werte explizit machen und verankern
2. Produkte und Angebote an Werten spiegeln
3. Zielgruppenwahl als Wertentscheidung verstehen
4. Preislogik anpassen
5. Vertrieb und Kommunikation neu ausrichten
6. Externe Rahmen nutzen
7. Interne Haltung zeigen

impulse4travel Manifest - Aspekt 4
impulse4travel Manifest - Aspekt 4

4. Echte Offenheit & Vernetzung in allen Beziehungen 2030

Von offenen Daten zu offenen Möglichkeitsräumen: Wenn Technologie den Menschen sichtbar macht

Im Jahr 2030 ist Offenheit nicht länger ein technisches Projekt, sondern ein strategisches Handlungsprinzip. Offene Daten, Systeme und Standards sind Voraussetzung. Doch ohne die Bereitschaft zum Wandel, ohne den Mut zur Prozessinnovation und ohne interdisziplinäre Zusammenarbeit bleibt Technologie wirkungslos.

Während 2025 der Fokus auf digitaler Infrastruktur und offenen Datenlandschaften lag, ist 2030 klar: Der Mensch ist der limitierende Faktor. Nicht die Technologie bremst uns, sondern unsere begrenzte Vorstellungskraft für neue Möglichkeiten, unser Festhalten an alten Mustern und unsere Angst vor echten Veränderungen.

Offenheit bedeutet 2030 dreierlei:

1. Technologie wird barrierearm und menschenzentriert. Die natürliche Interaktion mit Maschinen öffnet die digitalen Räume für alle. Technologie dient den Menschen, reduziert Komplexität und fördert Begegnung.

2. Offenheit schafft Skalierung und Resilienz. Vernetzte Daten und offene Standards ermöglichen neue, kooperative Geschäftsmodelle. Kleine Anbieter erhalten Zugang zu Infrastrukturen, was Vielfalt und Wettbewerb stärkt.

3. Tourismus öffnet sich für Allianzen (Mobilität, Kultur, Gesundheit, etc.). Diese branchenübergreifende Vernetzung ist eine Überlebensstrategie, um komplexe Herausforderungen zu lösen und neue Wertschöpfungsketten zu schaffen.

Gleichzeitig erfordert Offenheit strategisches Denken statt eines kurzfristigen Aktionismus. Wir automatisieren nicht das Heute, sondern schaffen neue Muster für das Morgen. Software wird zum Mittel der Geschäftsmodell- und Prozessinnovation. Dabei sind klare Regeln zu Datenschutz, Fairness und Ethik essentiell notwendig.

Weg dorthin: wie wir 2030 erreichen [Manifest]

1. Offenheit als strategische Leitplanke verankern
2. Sprachbasierte Teilhabe ermöglichen
3. Neue Prozesse denken, alte Muster beenden
4. Offene Lern- und Austauschplattformen verstetigen
5. Technologie als Möglichkeitsraum für Skalierung nutzen
6. Politische Infrastruktur und Regulierung als Rückenwind nutzen

impulse4travel Manifest - Aspekt 5
impulse4travel Manifest - Aspekt 5

Ethische Gestaltung der soziotechnischen Entwicklung 2030

Von Technologie als Versprechen zu KI als aktiver Handlungspartnerin und zu einem neuen Rollenverständnis von Mensch und Maschine

Im Jahr 2030 steht die ethische Gestaltung der Symbiotic Intelligence im Zentrum. Die Herausforderungen liegen nicht in der Technik, diese ist ausgereift und verfügbar, sondern im menschlichen Mindset, im Mut zur stetigen Veränderung und in der Fähigkeit, neue Möglichkeitsräume zu be- und ergreifen. Entscheidend ist dabei die Frage nach der Handlungsträgerschaft: Wenn KI zur Handlungspartnerin wird, muss menschliche Handlungsmacht und -kontrolle gegenüber algorithmischer Steuerung ausbalanciert werden. Ethik ist deshalb keine Compliance-Aufgabe, sondern eine strategische Kompetenz. Sie erfordert philosophisches Denken, kritische Reflexion und den Willen, implizite Machtstrukturen sichtbar zu machen. Gleichzeitig zeigt sie sich in klaren Rollen und Rechten. Menschen setzen Ziele und Grenzen, entscheiden in Konflikten und können widersprechen sowie eingreifen.

Zugleich wird Technologie 2030 zum Beziehungsmedium. Diese Premiere in der Menschheitsgeschichte verlangt nach neuen Formen der Verantwortung und Fähigkeiten. Die Interaktion zwischen Mensch und Technik muss bewusst gestaltet werden, da KI als Gesprächspartnerin sowohl Chancen als auch Risiken birgt, etwa Abhängigkeiten, Manipulation oder den Verlust echter Begegnung. Parallel wächst eine zweite, oft unsichtbare Ebene: Machine-to-Machine-Kommunikation im Sinne von Physical AI, in der Systeme über Sensorik, Infrastruktur, Mobilität oder Robotik Handlungen koordinieren, etwa bei Zugängen, Kapazitäten, Flusslenkung oder Ressourcensteuerung. Gerade deshalb braucht es neben transparenten und nachvollziehbaren Algorithmen explizite Kontrollmechanismen, also Wahlmöglichkeiten, Nachvollziehbarkeit, Widerspruchsrechte und Override-Rechte. Auch der Schutz vulnerabler Gruppen ist essenziell. Bias muss systematisch hinterfragt werden, mit besonderer Verantwortung gegenüber Kindern, älteren Menschen, Frauen, Migrant*innen, Menschen mit Beeinträchtigungen sowie sozial benachteiligten oder anderweitig vulnerablen Gruppen.

Dem Tourismus kommt als Gatekeeper der menschlich wertvollen Erlebnisse eine besondere Rolle zu. Er positioniert sich als Gegenpol zur digitalen Entfremdung und bietet Raum für reale, physische Begegnung.

Der technologische Einsatz steht dabei nicht im Gegensatz, sondern trägt dazu bei, Teilhabe, Qualität und Vertrauen zu stärken, wenn er das Erleben nicht choreografiert, sondern Handlungsspielräume öffnet. Sprachbasierte Interfaces und intelligente Assistenten ermöglichen es einer alternden Gesellschaft und Menschen mit Einschränkungen, barrierefrei zu reisen. Zugleich muss Personalisierung Optionen erweitern, statt zu verengen, auch wenn im Hintergrund Machine-to-Machine-Systeme Zugänge, Ströme oder Ressourcen steuern.

In der Wirtschaft verändert Symbiotic Intelligence zahlreiche Aufgaben, Rollen und Wertschöpfungsprozesse. Routinetätigkeiten nehmen ab, stattdessen sind Mitarbeitende gefordert, im Dialog mit der Technologie Veränderungs- und Gestaltungskompetenzen zu entwickeln. Das wirft Fragen auf: Wie wird wertstiftende Arbeit künftig bezahlt? Wie verändern sich Karrierewege? Welche neuen Qualifikationsprofile brauchen wir, auch im Umgang mit Technologien, Daten und Verantwortung? Eine ethische Gestaltung der soziotechnischen Entwicklung verlangt faire Antworten auf diese Fragen, statt Effizienzgewinne auf Kosten von Beschäftigten zu realisieren. Eine qualitativ hochwertige Datenbasis ist dafür eine Schlüsselbedingung: Symbiotic Intelligence ist nur so vertrauenswürdig wie kuratierte, aktuelle und kontextfähige Daten, besonders bei Physical AI, wo Fehler reale Folgen haben.

Unternehmen, die Technologie verantwortungsvoll nutzen, stärken ihre Resilienz. Sie schaffen Arbeitsumfelder, in denen Wertschätzung, Sinn, Mitbestimmung und Entwicklungschancen zentral sind und in denen Menschen bleiben wollen. Das ist nicht nur ethisch geboten, sondern wirtschaftlich notwendig: Im Wettbewerb um Fachkräfte und im Kampf gegen Abwanderung aus der Branche entscheiden Haltung, Kultur und Governance darüber, ob Menschen sich als handlungsfähig erleben oder als Mitlaufende in einer digitalen Choreografie.

Weg dorthin: wie wir 2030 erreichen [Manifest]

1. Ethik in Strategie, Führung und Ausbildung verankern
2. Rollen von Mensch und KI im soziotechnischen Prozess definieren
3. KI als Beziehungspartnerin bewusst nutzen und gestalten
4. Wertschöpfung und Arbeit neu verhandeln
5. Qualitative Daten als kritische Infrastruktur aufbauen
6. Bis 2030 schaffen Organisationen die Voraussetzungen, Künstliche Intelligenz fachgerecht, verantwortungsvoll und wirksam einzusetzen
7. Geschäftsmodelle und Strukturen neu gestalten, statt alte Muster zu automatisieren
8. Vorbilder sichtbar machen

impulse4travel Manifest - Aspekt 6
impulse4travel Manifest - Aspekt 6

6. Neue Arbeits- & Reiseformen 2030

Vom hybriden Leben zur modusbasierten Reise- und Arbeitskultur

Im Jahr 2030 ist „hybrid“ nicht mehr gleichbedeutend mit „immer erreichbar“ oder „alles gleichzeitig“. Die Gegenbewegung zur Entgrenzung prägt Arbeits- und Reiseformen. Menschen wollen klare Zustände, Fokus ohne Ablenkung, soziale Verbindung ohne Dauer-Performance, Erholung ohne schlechtes Gewissen. Der entscheidende Wandel ist daher nicht das Verschwimmen von Arbeit und Freizeit, sondern die Professionalisierung des Wechsels. Reiseangebote werden so gestaltet, dass sie Grenzen ermöglichen, statt sie aufzulösen.

Reisen wird zugleich stärker vom Alltag aus gedacht. Statt einmaliger Urlaubslogik entstehen kurze, wiederkehrende Reiseformate und modulare Aufenthalte, wenn Arbeit integrierbar ist. Diese Entwicklung ist nicht nur Ausdruck neuer Freiheit, sondern auch Folge von Druck: steigende Lebenshaltungskosten, volatilere Preise und eine wachsende Unsicherheit darüber, wer sich Urlaub künftig überhaupt noch leisten kann. Arbeit und Reisen verschränken sich deshalb auch, weil Zeitfenster kleiner werden und Budgets enger. Tourismus muss 2030 nicht nur attraktiv, sondern zugänglich sein.

Preissensibilität ist damit kein Randphänomen, sondern ein Strukturtreiber. Menschen buchen weniger abgeschlossene Pakete, sondern stellen Leistungen situativ zusammen, nicht aus Spieltrieb, sondern aus Notwendigkeit. Daraus entsteht eine neue Erwartung: Wahlfreiheit ohne Intransparenz, Anpassbarkeit ohne Qualitätsverlust und Angebote, die nicht nur für privilegierte Lebenslagen funktionieren.

Parallel gerät die klassische Logik des Massentourismus unter Druck. Nicht nur aus Werte- oder Nachhaltigkeitsgründen, sondern aus ganz praktischen, wie Überfüllung, Lärm, Preissteigerungen, Frust und sinkender Aufenthaltsqualität. Gleichzeitig bleibt die Nachfrage nach erschwinglichem Reisen hoch. Der entscheidende Punkt ist deshalb nicht, ob Massentourismus gut oder schlecht ist, sondern ob er in eine Form gebracht werden kann, die Qualität, Legitimität und Stabilität sichert. Destinationen, die 2030 überzeugen, bieten daher nicht mehr, sondern verfügen über passendere Lösungen. Entzerrung, Buchbarkeit, klare Regeln, lokale Einbindung und Räume, die Gemeinschaft ermöglichen, ohne sie zu erzwingen.

Ökologie und Ressourcen werden dabei zur zweiten Leitwährung neben Geld und Zeit. Nicht als moralische Zusatzebene, sondern als reale Grenze: Energiepreise, Mobilitätsinfrastruktur, Wasser, Flächen, Emissionen und Akzeptanz. 2030 entscheidet sich die Wettbewerbsfähigkeit von Tourismus daran, ob er innerhalb dieser Grenzen attraktiv bleibt und ob er Verantwortung so organisiert, dass sie nicht als Verzicht erlebt werden muss, sondern als bessere Ordnung.

Digitale Technologien verschieben die Rollen. KI macht Reisen einfacher, individueller, spontaner und selbstorganisierter und erhöht gleichzeitig die Erwartungen an menschliche Qualität. Wo KI Routine übernimmt, wird Gastlichkeit zur Kompetenz. Menschen möchten sich orientieren können, sich sicher fühlen, kulturell andocken und in ihrem jeweiligen Modus bleiben dürfen. Tourismus wird damit zum Ermöglicher moderner Rhythmen. Er schafft Räume, die produktiv machen können und genauso gut konsequent abschalten lassen, ohne dass Menschen sich rechtfertigen müssen.

Dieser Wandel eröffnet Chancen, verlangt aber auch neue Kompetenzen, neue Angebotslogiken und vor allem eine neue Produktidee. Nicht die Optimierung des Bestehenden reicht, sondern die Entwicklung von Angeboten, die aus den Lebensrealitäten 2030 heraus entstehen: aus knappen Budgets, fragmentierten Zeitfenstern, veränderten Mobilitätsbedingungen, ökologischem Druck und einem wachsenden Bedürfnis nach Schutz, Einfachheit und sozialer Sicherheit. Jüngere Generationen bringen hohe Ansprüche an Sinn und Flexibilität mit, gleichzeitig aber auch vermehrt soziale Unsicherheiten und Hemmungen im direkten Kontakt. Tourismus kann Räume bieten, in denen Menschen sich wohlfühlen, geschützt interagieren und wachsen können. Tourismus wird damit zu einem Zukunftslabor moderner Arbeit, Mobilität und Gemeinschaft und gestaltet Lebensstile, die über die Branche hinausweisen.

Weg dorthin: wie wir 2030 erreichen [Manifest]

1. Von Workation zu Modus-Angeboten
2. Produktinnovation als Pflicht
3. Von oben und unten denken
4. Reiseangebote modularer und transparenter gestalten
5. Massentourismus neu denken
6. Tourismus als Rhythmusinfrastruktur

impulse4travel Manifest - Aspekt 7
impulse4travel Manifest - Aspekt 7

7. Mitarbeitende als tragende Säule des Wandels 2030

Vom Personalbestand zur menschlichen Zukunftskompetenz

Im Jahr 2030 wird die Zukunftsfähigkeit des Tourismus maßgeblich durch die Menschen bestimmt, die ihn gestalten. Mitarbeitende sind emotionale Multiplikator*innen, Botschafter*innen und Identitätsstifter*innen einer Branche, die Vertrauen, Beziehung und Sinn erzeugt. Je stärker KI Routineprozesse übernimmt, desto stärker rücken menschliche Kompetenzen in den Mittelpunkt wie Zuhören, Situationen verstehen, Dialog führen, Vielfalt gestalten, Konflikte moderieren und kreative Lösungen entwickeln.

KI wirkt 2030 nicht mehr als Werkzeug am Rand, sondern als Arbeitsumgebung im Kern. Agenten übernehmen Planung, Abwicklung und Standardkommunikation, doch die tragende Säule bleibt der Mensch: Mitarbeitende steuern, prüfen, priorisieren und entscheiden dort, wo Kontext, Verantwortung und Beziehung zählen. Sie werden zu KI-kompetenten Berater*innen und Orchestrator*innen, die Tonalität, Qualität und Ausnahmen führen, Orientierung geben und Sicherheit herstellen. Der Wert entsteht aus dieser Arbeitsteilung: digitale Effizienz im Hintergrund und spürbare Gastlichkeit, Vertrauen und Sinn im Kontakt.

Gleichzeitig steht die Branche vor neuen gesellschaftlichen Realitäten und einer deutlich steigenden Geschwindigkeit technologischer, wirtschaftlicher und organisatorischer Veränderungen. Junge Talente haben hohe Erwartungen an Flexibilität, Kultur, Sinn und Entwicklung. Zugleich nehmen soziale Unsicherheiten, Interaktionsängste und geringe Selbstwirksamkeitserfahrungen zu. Eine zukunftsfähige Branche erkennt diese Dynamiken und gestaltet Räume, in denen Menschen angstfrei lernen, experimentieren und wachsen können. Organisationen übernehmen dabei Verantwortung, Veränderung nicht nur zu beschleunigen, sondern auch gestaltbar, erklärbar und lernbar zu machen. Offene Netzwerke, transparente Karrierewege und frühe Beteiligung ersetzen die geschlossenen Strukturen früherer Jahrzehnte.

Arbeitgeber sind 2030 Entwicklungsräume. Faire Bedingungen, flexible Modelle, Lerngelegenheiten, Mentoring, Coaching und Wertschätzung werden selbstverständlich. Branchenweite Weiterbildungsstrukturen wie eine Akademie 2030 verankern Zukunftskompetenzen systematisch. Dazu gehören Sozialkompetenz, digitale und KI-Kompetenz, Methodenkompetenz, Resilienz, Diversitätskompetenz und Kommunikationsfähigkeit.

Mitarbeitende tragen die Transformation deshalb nicht als Pflicht, sondern aus Überzeugung. Menschen, die sich gesehen, wertgeschätzt und wirksam fühlen, gestalten eine Branche, die attraktiv, resilient und gesellschaftlich legitim ist.

Weg dorthin: wie wir 2030 erreichen [Manifest]

1. Arbeitskultur als Strategie verankern
2. NextGen systematisch befähigen
3. Open Knowledge etablieren, mit dem Ziel, unterschiedliche Lern- und Lehrformen zu ermöglichen
4. Rollenbilder und Karrierewege neu definieren
5. KI so integrieren, dass Menschen handeln können
6. Wertschätzung verbindlich machen
7. Branchenstrukturen auf Zusammenarbeit ausrichten
8. Politische Rahmen als Standortfaktor stärken
9. Kundenorientierung über Mitarbeitende sichern

impulse4travel Manifest - Aspekt 8
impulse4travel Manifest - Aspekt 8

8. Der Tourismus als politischer Gestalter und Berater

Von der Bittstellerrolle zur Richtungsgeberin: Warum Politik Tourismus braucht und umgekehrt

Im Jahr 2030 begegnet die Tourismusbranche politischen Entscheidungsträger*innen auf allen Ebenen auf Augenhöhe als Gestalterin, nicht nur als Stakeholder.

Sie bringt sich mit Evidenz, Erfahrung und Gestaltungswillen aktiv ein: in Gesetzgebungsprozesse, Förderlogiken, Raumordnung, Mobilitätsplanung, Nachhaltigkeitsstrategien, Kulturpolitik und wirtschaftspolitischen Weichenstellungen.

Diese neue Rolle basiert auf Einheit in der Vielfalt. Die Branche entwickelt gemeinsame Leitbilder und Narrative, baut auf gemeinsamen Datenbasen und formuliert klare Erwartungen an politische Rahmenbedingungen. So wird sichtbar, was Tourismus leisten kann und was nicht, und welchen konkreten Mehrwert er für Bürger*innen sowie für die Wirtschaft und Gesellschaft schafft.

Politische Akteure erkennen im Tourismus einen systemischen Hebel für Lebensqualität, Standortattraktivität, Resilienz, kulturellen Austausch und nachhaltiges Wirtschaften. Als beratende Instanz trägt die Branche dazu bei, politische Maßnahmen realistisch, wirkungsorientiert und anschlussfähig zu gestalten.

Gleichzeitig setzt der Tourismus auf ehrliche, realitätsnahe Narrative. Wachstum ist kein Selbstzweck mehr. Im Mittelpunkt stehen Wirkung, Fairness, Resilienz und gesellschaftlicher Nutzen, ermöglicht durch gezielte politische Gestaltung.

Weg dorthin: wie wir 2030 erreichen [Manifest]

1. Gemeinsame politische Strategie der Branche entwickeln
2. Tourismusgesetz oder modernen Rechtsrahmen prüfen
3. Evidenzbasierung stärken und Daten politisch nutzbar machen
4. Flexible Allianzen und Koalitionen schmieden
5. Neue Narrative etablieren, die über den Tourismus hinausdenken
6. Politikberatung professionalisieren

impulse4travel Manifest - Perspektive

Perspektive und Ausblick

Die Tourismusbranche ist nur dann zukunftsfähig, wenn sie die Lebensraumqualität erhöht und Verantwortung übernimmt.
Dieses Manifest beschreibt keinen Idealzustand, sondern bietet einen Orientierungsrahmen in einer Zeit, in der der Tourismus zwischen Anspruch, Erwartung und Realität steht. Es zeigt, wo Richtung fehlt, Strukturen nicht mehr tragen und Entscheidungen notwendig werden, um Gestaltungskraft zu bewahren.
Ohne gemeinsamen Zukunftsrahmen fragmentiert sich das Handeln. Strategien entstehen nebeneinander, Maßnahmen konkurrieren um Aufmerksamkeit, Narrative verlieren an Glaubwürdigkeit. Was fehlt, ist nicht Aktivität, sondern Richtung. Tourismus bleibt beschäftigt, aber nicht wirksam und damit zunehmend erklärungsbedürftig.
Dieses Manifest lädt dazu ein, diese Leerstelle zu schließen. Nicht durch einheitliche Lösungen, sondern durch ein gemeinsames Verständnis von Richtung. Es schafft einen Möglichkeitsraum, in dem Tourismus wieder als gestaltende Kraft sichtbar wird – für Lebensqualität, Resilienz, Wertschöpfung und gesellschaftliche Legitimation.
Ob dieser Raum genutzt wird, entscheidet sich weniger an Zustimmung, sondern an Konsequenz. 2030 wird nicht daran gemessen, wie viele Maßnahmen umgesetzt wurden, sondern ob Tourismus seine neue Rolle erkannt und angenommen hat.
Zukunftsfähig ist die Branche nur, wenn sie die Lebensraumqualität stärkt und den Mut hat, den Wandel aktiv zu gestalten.

impulse4travel Manifest Mitwirkende

Herzlichen Dank!

Herzlichen Dank an dieser Stelle für die offene Diskussion, den bereichernden Austausch sowie die kreative und professionelle Mitgestaltung am impulse4travel-ThinkTank 2025 und an diesem Manifest an:

Jürgen Amann (KölnTourismus), Celina Amling (Hochschule Harz), Florian Bauhuber (Realizing Progress), Stephan Bingemer (Hochschule Heilbronn), Ralf Bonin (Onsai.io), Roman Borch (e-confirm), Michael Buller (VIR), Carmen Dücker (Best Western), Stefan Egenter (Allgäu GmbH), Günter Exel (Realizing Progress), Michael Faber (Realizing Progress), Catharina Fischer (Realizing Progress), Ömer Karaca (Schmetterling), Ulrike Katz (Deutscher ReiseVerband), Anja Kirig (Realizing Progress), Katrin Leideritz (Messe München), Moritz Lusch (DERTOUR), Inga Meese (Futouris e.V.), Jamina Mertz (Leipzig Tourismus und Marketing GmbH), Solveig Meyer (Expedia), René Neudorf (DERPART Reisevertrieb), Michael Riebel (SIAMAR), Vera Scheuermann (Hanse Merkur), Martin Soutschek (Outdooractive), Petra Thomas (Forum Anders Reisen), Achim Wehrmann (Deutscher Reiseverband DRV), Ralf Wiemann (erlebe-fernreisen).

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